Taxonomie (2009)
In den 1920er Jahren, zur Zeit der Weimarer Republik, machte es sich der Fotograf August Sander zur Aufgabe, ein Zeitbild des deutschen Menschen zu erstellen. Dazu teilte er die Gesellschaft in Gruppen. Vom Urtypus des Bauern ausgehend, deklinierte Sander die Klassen der deutschen Gesellschaft hinauf bis zur Geistesaristokratie.
Die Einteilung der Lebewesen in ein biologisches System, Taxonomie, erfordert jedoch ein Mindestmaß an Abstand. Eine Distanz, wie sie etwa Menschen zu Tieren haben, die sie dann in Gruppen - zum Beispiel Stamm, Familie, Gattung und Art - ordnen können. Der geringe Abstand zu Mitmenschen macht eine Einteilung schwierig. Woher also nahm August Sander die für sein Vorhaben notwendige Distanz?
Sie mag in der vermeintlich reinen, vergleichenden Fotografie gelegen sein, mit der Sander einen entfernten Standpunkt einnahm. Die Fotografie schien dabei auch das geeignete Mittel zu sein, um ein wahrheitsgetreues Bild dieser Ordnung zu liefern. Sander interessierte nicht die psychologische Charakterdarstellung des Individuums. Er wollte keine Posen und Effekte. Die Porträtierten waren für ihn Typen, Vertreter und Vertreterinnen einer bestimmten Gruppe. Aber auch Sander fertigte mehrere Varianten seiner Porträts. Auch er ließ seine Modelle Kleidung, Pose und Gesten wechseln, stattete sie mit Attributen aus und veränderte den Ausschnitt. Er bestimmte, wie jeder Fotograf und jede Fotografin, Belichtungszeit, Tiefenschärfe und Perspektive. Die Aufnahme einer Fotografie galt außerdem als seltenes Ereignis, dem besondere Beachtung geschenkt werden sollte.
Sander hat die vielgestaltigen Menschen mit der größten, seiner typologischen Zielsetzung entsprechenden inhaltlichen Dichte aufgeladen und ihnen in diesem Moment Masken abgenommen, für die er trotz ihrer Ausschnitthaftigkeit den Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben scheint.
Die Vielzahl an Variationen, an unterschiedlichen Bildern einer Person veranlasst unweigerlich zur Auswahl. Sander musste jedoch nicht nur aus den unterschiedlichen Porträts einer Person auswählen. Die Selektion musste schon bei den Modellen beginnen. Der Absicht zur Kategorisierung entsprechend wählte der Fotograf also Personen aus, die er für typisch hielt.
Diese Vorgehensweise ist jedoch eine, die die eigene These bestätigen will und nicht eine, die gegen sich selbst forscht. Denn bei der Auswahl handelt der Auswählende, so sie nicht zufällig ist, immer schon auf der Basis bestehender Vorstellungen. Die Selektierten ordnete er in exklusive Kategorien. Durch die Präsentation in Form einer solchen Exklusivität wird den Dargestellten erneut der Status des typischen Vertreters oder der typischen Vertreterin zugeschrieben. Mittels Selektion, Klassifikation und Präsentation werden daher die von Sander ausgewählten Personen erst zu exemplarischen Typen und typischen Exemplaren ihrer Gruppe. Die Arbeit generiert den Typus, die unreflektierte Rezeption bestätigt ihn.
Folglich dienen weniger die einzelnen Bilder als Dokumente einer Gesellschaft oder als Charakterbeschreibungen einzelner Personen, sondern vielmehr erzählen Art und Weise der Arbeit von ihrer Zeit. Sie zeugen von einer bestimmten sachlich-fotografischen Haltung, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ebenso großer Beliebtheit erfreute wie Typologien der Gesellschaft.
Während wir also dem großen Sander für sein ‚Antlitz der Zeit‘ danken und ihn für seine Sachlichkeit bewundern, dürfen im Rahmen einer kritischen Betrachtung weiterhin Fragen gestellt werden. Nach dem taxonomischen Charakter, der die Porträtierten in eine entfernte, fast tierische Position zwang. Nach der Aufnahmesituation, die die präparierten Tiere in Schaukäfige drängte. Nach der endgültigen Abnahme von Momentmasken, an deren Allgemeingültigkeit mittels Dekonstruktion und Flickwerk gerüttelt werden kann.
Nach: Sander, August: Antlitz der Zeit, Sechzig Aufnahmen deutscher Menschen des 20. Jahrhunderts, Mit einer Einleitung von Alfred Döblin, revidierte Neuauflage, München 2003
32 Seiten, broschiert, A5
deutsch
No-ISBN
Wien, 2009